DigiWoh und ROCKETHOME im Interview: Wie gehören Klimaschutz und Digitalisierung zusammen?


Immer mehr Unternehmen begreifen Klimaschutz und Nachhaltigkeit als zentrale Handlungsfelder. Doch was bedeutet das konkret für Wohnungsunternehmen und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Im Gespräch mit DigiWoh Leitung Arne Rajchowski und Rockethome-CEO Yüksel Sirmasac wird deutlich, warum Klimaschutz und Digitalisierung zusammen gehören. Jetzt lesen.

Herr Rajchowski, die DigiWoh hat sich konkret zum Ziel gemacht die Digitalisierung in der Wohnungs- und Immobilienbranche voranzutreiben. Wieso sehen Sie in der Digitalisierung den entscheidenden Erfolgsfaktor für die Branche?

Arne Rajchowski: Ich würde sagen, es ist nicht DER entscheidende Erfolgsfaktor. Es ist ein wichtiger und nicht verhandelbarer Erfolgsfaktor. Digitalisierung ist kein Projekt oder Phänomen - es ist eine gesamtwirtschaftliche Entwicklung der sich niemand entziehen kann. Das spannende für die Wohnungswirtschaft ist, dass wir mit der Digitalisierung neue Methoden und Technologien zur Verfügung haben, um ganz anders Herausforderungen wie den Klimaschutz begegnen zu können.


Wie gehören Klimaschutz und Digitalisierung für Sie zusammen, Herr Sirmasac?

Yüksel Sirmasac: Ich stimme Herrn Rajchowski zu: Wir müssen begreifen, dass die Digitalisierung ein Baustein unserer Lebensweise ist. Sie gehört einfach dazu und ist das Mittel, das wir nutzen um Dinge effizienter, attraktiver oder einfacher zu machen. Klimaschutz ist eines, wenn nicht DAS Ziel unserer Zeit. Wir müssen Antworten finden, wie wir dieses Ziel erreichen und dafür alle Mittel nutzen die wir haben. Dazu gehören eben auch digitale Technologien.

Machen wir es konkret. Unsere Gebäude sind für nahezu 40% aller CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Die Digitalisierung spielt bei der Umsetzung der Energie-, Verkehrs- und Wärmewende eine zentrale Rolle - das Gebäude ist dabei der zentrale Knotenpunkt. Durch die Digitalisierung können wir wichtige Einsichten in Verbrauchsdaten erhalten und Einsparpotenziale aufdecken. Wir können diese Daten und Erkenntnisse dann nutzen um komplexe Prozesse wie Energieflüsse bestmöglich zu steuern und zu optimieren. Diese Datentransparenz ist gleichzeitig für Erfüllung regulatorischer Voraussetzungen und gesetzlicher Regularien wie ESG, EED und GEIG unumgänglich. Zusätzlich verbessert die Digitalisierung die Wettbewerbsfähigkeit, indem mit IoT Services neue digitale Geschäftsmodelle in der Vernetzung von Immobilien, Energie und Mobilität aufgebaut werden. Auch der Endkunde kann durch digitale Anreizmodelle im Wohn- und Arbeitsumfeld zur Einsparung von CO2 motiviert werden. Basis für diese nachhaltige Verhaltensänderung ist durchgehende Transparenz über den Verbrauch von Ressourcen in seinem Wohnbereich und auch Optionen diesen Verbrauch mit einfachen Mitteln zu reduzieren.


Bis 2050 sollen Gebäude nahezu klimaneutral sein. Für wie realistisch halten Sie die klimapolitische Zielerreichung aus wohnungswirtschaftlicher Sicht und wo sehen Sie Potenziale?

Arne Rajchowski: Für mich ist das leider keine Frage von realistisch oder nicht. Es ist ja kein verhandelbares Ziel, sondern eine Notwendigkeit. Klimaentwicklungen verhandeln mit uns nicht Zeit, Kosten und Projektdauer. Das Stichwort ist dabei: Irreversibilität.

Vielleicht führt dieses Ziel zu einer Abkehr von klassischen Vorgehensweisen wie dem Dämmen von Gebäuden, hinzu anderen Technologien und Methoden. Starten wir doch mit moderner Analytics, um das Gesamtsystem Gebäude datentechnisch zu erfassen und auf der Basis Entscheidungen zu treffen.


Smarte Produkte und Services müssen auf die Anforderungen der Wohnungswirtschaft einzahlen. Wie kann das gelingen?

Arne Rajchowski: Ganz einfach. Sie müssen Probleme der Wohnungswirtschaft, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Mieter lösen. Kein Wohnungsunternehmen hat ein Smart Service oder Cloud-KI-Problem. Das Problem ist vielleicht, dass die Mitarbeiter nie wissen ob das Handwerker jetzt vor Ort war oder nicht und was er gemacht hat. Smart heißt klug und digital - solche Produkte brauchen wir.

Yüksel Sirmasac: Das gelingt, wenn Wohnungsunternehmen anfangen in Digitalisierung und Klimaschutz kreativ zu denken. Smarte und erfolgreiche Produkte werden nicht für die Wohnungswirtschaft sondern mit ihr entwickelt. DigiWoh jetzt ja genau hier an und schafft einen Raum, in dem Wohnungsunternehmen mit Digitalisierungsexperten und mit Klimaexperten gemeinsam Ideen entwickeln können. Alle Beteiligten haben Know-how in ihrem Bereich. Dieses muss man zusammenbringen.

Außerdem gelingen solche Modelle nur, wenn der Endkunde im Gesamtkonstrukt einsteigt. Wir diskutieren viel über Energievisualisierung. Ganz ehrlich, Energieverbräuche alleine sind für die meisten Menschen langweilig. Man muss sie in den Kontext des persönlichen CO2-Fußabdrucks bringen und am besten intelligent nutzen. Wenn wir die Daten aber intelligent nutzen um es in Wohnungen dann warm zu haben, wenn Wärme benötigt wird und gleichzeitig Kosten und CO2 sparen, erkennt jeder den Wert darin.


Welche Informationen über ein Gebäude sind im Kontext Klimaschutz notwendig?

Yüksel Sirmasac: Ein Gebäude gilt als klimaneutral betrieben, wenn eine ausgeglichene CO2-Bilanz für ein Jahr nachgewiesen wird. Gemessen werden die direkten CO2-Emissionen der Energieerzeugung, also unmittelbare Verbrauchsdaten von Strom, Wärme und Wasser sowie indirekte CO2-Emissionen, welche durch die Energiebereitstellung von Netzstrom entstehen. In die Bilanz werden aber auch vermiedene CO2-Emissionen aufgenommen. Als solche gelten klimafreundliche Produkte und Dienstleistungen zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien - PV-Anlagen, Mieterstrommodelle… Als Datenbasis für den Klimaschutz sehen wir also vor allem die Gebäude-Emissionen durch Energieverbräuche. Solche Informationen können wir visuell mit einem Klimadashboard für Gebäude, Quartiere oder Wohnungen darstellen. Ebenfalls können dort Informationen zu Fahrplänen des ÖPNV im Gebäude angezeigt werden. Auch das zähle ich in diesem Kontext zu den wichtigen Informationen in Punkto Klimaschutz.


Sozialverträglicher Klimaschutz ist ein wichtiger Aspekt für einen erfolgreichen Wandel. Inwiefern kann die Digitalisierung zu einer sozialen Verträglichkeit beitragen?

Arne Rajchowski: Ein Beispiel - ich bekomme meine Nebenkostenabrechnung ein Jahr nach dem ich die Kosten verursacht habe. Mit einem hohen Nachzahlungsrisiko und ohne Möglichkeit einzugreifen. Mit einer modernen Lösung wie zum Beispiel einer Pauschale oder einer permanenten Überprüfung der Ist-Kosten mit der Vorauszahlung könnten wir Zahlungsrisiken transparenter machen. Auch können mehr gemeinschaftlich genutzte Anlagen in Gebäuden helfen individuelle Kosten zu sparen, und die Digitalisierung ermöglicht den Zugang zu diesen Anlagen, die Teilhabe.


Welche Aspekte werden Ihrer Meinung nach noch zu selten thematisiert?

Arne Rajchowski:Im Kontext Digitalisierung und Wohnungswirtschaft kommt mit der Aspekt der Gebäude absolut zu kurz. Begriffe wie Smart Home oder Living fokussieren zu stark auf den Mieter, auf die Wohnung. Spannend ist jedoch das Gebäude. Betriebskosten- und Nebenkosten fallen insgesamt für ein Gebäude an. Moderne Energiekonzepte oder Metering-Lösungen bauen wir in ein Gebäude ein. Der Gebäudebestand soll klimaneutral werden. Der Aspekt der digitalen Gebäude kommt für mich noch selten vor.

Yüksel Sirmasac: Aus der Sicht eines PropTechs bildet die holistische Gebäudevernetzung die Basis unserer Value Proposition. Daher versuchen wir tatsächlich weiterhin den Mieter aktiver in den Gesamtprozess zu integrieren. Der Mieter sollte dabei natürlich nicht als Argument für die Digitalisierung hergenommen werden. Dem Mieter müssen aber Handlungsoptionen und Anreize geboten werden, damit das Digitalisierungskonzept in sich aufgeht. Was nutzen Energiekonzepte oder E-Mobilitätslösungen, wenn der Endnutzer sich nicht aktiv beteiligt? Dafür setzen wir beispielsweise auf Energietransparenzlösungen für Betreiber und Mieter. Die Mieter versuchen wir zusätzlich mit “Gamification” abzuholen. Mit datenbasierten Challenges und Klima Ampeln sprechen wir den Nutzer persönlich an und können mit etwas Spaß eine nötige Verhaltensanpassung anregen. Dieser Ansatz lässt sich auch auch auf das gesamte Gebäude oder Quartiere anwenden.


Wie muss sich der Markt weiterhin entwickeln, damit das Thema Smart Living zukunftsfähig wird?

Yüksel Sirmasac: Die Frage ist ja, was man unter Smart Living versteht. Für mich ist es Technologie die Klimaschutz aber auch neue und gerechtere Wohnkonzepte möglich machen kann. Der Bedarf an beidem steigt. Wir als Technologie-Anbieter müssen jetzt nur noch klarer herausstellen wie intelligente Technologien dabei helfen können. Der Markt entwickelt sich aber in die richtige Richtung, sowohl die Angebote wie auch die Nachfrage. Die Politik kann jetzt ihren Teil dazu beitragen, das ganze zu beschleunigen in dem Zukunftsweisende Quartiere stärker gefördert werden. Immerhin entstehen hier auch Kosten. Wohnungsunternehmen und Mieter dürfen damit nicht alleine gelassen werden. Wenn die Politik Klimaschutz will, muss sie investieren.


Wie kann die Zusammenarbeit von Wohnungswirtschaft und PropTechs gefördert werden?

Arne Rajchowski: Wir brauchen mehr Projekte. Ich finde auch den Gedanken, dass es spezifische Unterstützungsmöglichkeiten für Wohnungsunternehmen gibt, um mit PropTechs Projekte umzusetzen, ganz spannend. Hubitation aus Frankfurt geht schon diesen Weg - und jetzt erweitern wir den Gedanken um den Faktor X und ermöglichen noch mehr Wohnungsunternehmen daran teilzuhaben.

Yüksel Sirmasac: Der Schlüssel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind Partnerschaften auf Augenhöhe. Beide Seiten bringen wertvolles Know-How und Erfahrungen mit, welche zusammen erst zukunftsweisende Projekte ermöglichen. Für Innovation benötigen wir auch immer etwas Risikobereitschaft und das Vertrauen in eine positive Fehlerkultur. Lernen heißt auch Fehler machen. Agile Entwicklungsprozesse ermöglichen dabei Neues auszuprobieren und Grenzen zu verschieben. So reagieren wir flexibel und realisieren einen schnellen Time-to-Market. Gefördert werden erfolgreiche Partnerschaften durch Plattformen wie den DigiWoh, welche den Austausch untereinander fördern und Unternehmen zusammenbringen, die motiviert sind neue Wege zu gehen und hands-on sind.


Einladung zum zweiten Workshop „Klimaschutz und Digitalisierung“

Am 22. September findet das Follow-Up der AG "Klimaschutz und Digitalisierung" statt. Im Workshop soll das Klima Dashboards aus der Wohnungswirtschaft, welches in Kooperation mit DigiWoh Mitglied ROCKETHOME entstanden ist, durch Feedbackrunden weiterentwickelt werden. Außerdem wird die zukünftigen Themen der Arbeitsgruppe festgelegt.


Wann 22. September 2021, 14:00 bis 16:00 Uhr
Wo Für Mitglieder virtuell im DigiWoh


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Möchten Sie mehr über den DigiWoh erfahren?
Für mehr Informationen über das Kompetenzzentrum Digitalisierung, besuchen Sie gerne die Webseite digiwoh.de.


Außerdem interessant:


Live Session:
Rockethome meets DigiWoh - Über Klimaschutz und Digitalisierung in der Wohnungswirtschaft

Die Live Session zum Interview. Am 04.10.2021 sprechen Arne Rajchowski und Yüksel Sirmasac über aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Wünsche zum Thema.


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